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BODE Aktuell 2010

NDM-1: Neuer Resistenzmechanismus
bei ESBL

Ein durch Resistenz-Gene hervorgebrachtes Enzym in Gram-negativen Erregern führt zu Resistenzen gegenüber nahezu allen Beta-Laktam-Antibiotika inklusive den Reserveantibiotika der Carbapenem-Gruppe.

„The Lancet Infectious Diseases“ veröffentlichte am 10. August eine Studie, die ein breites Medien-Echo auslöste: Ein internationales Forscherteam berichtet darin von einem neuen Resistenz-Gen in multiresistenten Gram-negativen Enterobacteriaceae. Der neue Resistenzmechanismus wurde erstmals bei Bakterien-Isolaten von Patienten nachgewiesen, die sich zuvor in Indien oder Pakistan hatten behandeln lassen.

Das Gen initiiert ein Enzym (Carbapenemase), die Neu-Delhi Metallo-Beta-Laktamase, kurz NDM-1.
Mit diesem chemischen Katalysator werden die Beta-Laktam-Antibiotika der Carbapenem-Gruppe unwirksam gemacht. Jene Reserveantibiotika, die der Behandlung schwer beherrschbarer Infektionskrankheiten vorbehalten sind, die von anderen Beta-Laktam-resistenten Erregern verursacht wurden (Extended Spectrum Beta-Lactamasen bzw. ESBL). NDM-1 kann nicht nur Carbapeneme, sondern auch alle anderen Beta-Laktam-Antibiotikaklassen inaktivieren.

Der Studie zufolge wurde NDM-1 unter den Gram-negativen Erregern am Häufigsten bei Klebsiella pneumoniae und in Escherichia coli nachgewiesen. Bei NDM-1 sind die Resistenz-Gene auf unterschiedlich großen Plasmiden, ringförmigen DNA-Molekülen, lokalisiert. Die Gene können daher sehr schnell auf andere Bakterien „überspringen“. Die Wahrscheinlichkeit ist somit groß, dass noch andere Bakterienspezies das neue Resistenz-Gen erwerben.

Das Phänomen der Resistenz gegenüber dem Reserveantibiotikum Carbapenem ist nicht neu: Neben NDM-1 sind bereits drei weitere Resistenz-Gene bekannt, die unterschiedliche Carbapenemasen produzieren und zur Multiresistenz Gram-negativer Erreger führen können: VIM wurde 1999, KPC 2001 und OXA-48 im Jahr 2004 beschrieben.

Die Experten des Nationalen Referenzzentrums für Gram-negative Erreger gehen davon aus, dass derzeit für die Bevölkerung hierzulande kein Grund zur Besorgnis besteht: In Deutschland wird die Häufigkeit von NDM-1 oder anderen Carbapenemase-Genen bezogen auf alle K. pneumoniae-Isolate z. Zt. auf deutlich unter 0,1 Prozent geschätzt, bei anderen ESBL-Spezies sogar noch niedriger.

Das Hauptproblem der NDM-1-produzierenden Erreger liegt in den extrem eingeschränkten Therapieoptionen. So stehen nur noch zwei Antibiotika-Wirkstoffe für eine Behandlung zur Verfügung: Polymixin und Tigezyklin. Beide Antibiotika sind nicht uneingeschränkt wirksam, auch gibt es Hinweise, dass gegenüber diesen Reservewirkstoffen ebenfalls Resistenzen auftreten.

Bislang sind in Deutschland vier Fälle eines NDM-1 produzierenden Bakteriums aufgetreten (16.08.2010), darunter keiner in einem Krankenhaus. Mit Hinweis auf diesen Umstand, werden in Deutschland z. Zt. keine spezifischen Empfehlungen für Gesundheitseinrichtungen gegeben.

Das Robert Koch-Institut weist in einer Stellungnahme auf seiner Website ausdrücklich darauf hin, die Maßnahmen der Krankenhaushygiene einzuhalten, vor allem die Händehygiene.

Alkoholische Hände-Desinfektionsmittel gelten auch bei multiresistenten Bakterien wie der neuen NDM1-produzierenden Spezies als uneingeschränkt wirksam. Nach jetzigem Kenntnisstand ist davon auszugehen, dass der Nachweis der Bakterizidie gemäß prEN 13727 und EN 1500 auch eine Wirksamkeit gegenüber antibiotika-unempfindlichen Bakterien einschließt. Diesen Schluss legt auch eine Studie zur Wirksamkeit von Sterillium® innerhalb 30 Sek. gegenüber verschiedenen multiresistenten Bakterien nahe, darunter auch multiresistente Gram-negative Spezies wie E. coli und Klebsiella pneumoniae.

Weitere Informationen:

Abstrakt der Lancet-Studie
Kumarasamy K K et al.

Emergence of a new antibiotic resistance mechanism in India, Pakistan, and the UK: a molecular, biological and epidemiological study.

Stellungnahme des Nationalen Referenzzentrums für gramnegative Krankenhauserreger

Kommentar des Robert Koch-Instituts zu NDM-1 im aktuellen Epidemiologischen Bulletin Nr. 33 vom 23.08. 2010, Seite 336


Kampf G, Hollingsworth A.
Validity of the four European test strains of prEN
12054 for the determination of comprehensive
bactericidal activity of an alcohol-based hand rub.
Journal of Hospital Infection (2003) 55, 226–231.

(Stand: 24.08.2010)